Unsicherheiten
In diesem Newsletter erfährst du...
warum unser Gehirn Unsicherheit nur schwer aushalten kann
weshalb Grübeln, Kontrollieren und ständiges Informieren meist keine echte Lösung sind
wie du lernst, auch mit offenen Fragen gelassener umzugehen

Hallo,
kennst du dieses Gefühl? Du wartest auf einen Arzttermin, auf die Ergebnisse einer Untersuchung, auf eine wichtige Nachricht, auf die Rückmeldung nach einem Bewerbungsgespräch, oder einfach darauf, dass dein Kind endlich wieder nach Hause kommt. Eigentlich kannst du in diesem Moment nichts tun. Trotzdem wandern deine Gedanken immer wieder zur gleichen Frage: „Was, wenn…?“
Was, wenn die Untersuchung etwas zeigt? Was, wenn ich die falsche Entscheidung getroffen habe? Was, wenn etwas passiert, womit ich nicht gerechnet habe?
Interessanterweise ist es oft gar nicht das eigentliche Ereignis, das uns am meisten belastet. Es ist die Zeit davor. Die Ungewissheit. Das Nichtwissen. Unser Gehirn mag offene Fragen nämlich überhaupt nicht. Es möchte verstehen, planen und möglichst genau vorhersagen, was als Nächstes passiert. Bleiben Fragen unbeantwortet, versucht es häufig, diese Lücken selbst zu füllen - mit Grübeln, Sorgen oder immer neuen Gedankenspielen. Warum das so ist und wie wir lernen können, mit Unsicherheit gelassener umzugehen, schauen wir uns heute gemeinsam an.

🧠 Warum unser Gehirn Unsicherheit nicht mag
Unser Gehirn liebt Vorhersagbarkeit. Den größten Teil unseres Alltags verbringen wir damit, unbewusst vorherzusagen, was als Nächstes passiert. Wir erwarten, dass die Ampel grün wird, unser Auto anspringt oder die Person, die wir anrufen, mit ihrer vertrauten Stimme ans Telefon geht. Diese Fähigkeit hilft uns, schnell Entscheidungen zu treffen und Energie zu sparen.
Unsicherheit dagegen bedeutet für unser Gehirn zusätzlichen Aufwand. Solange nicht klar ist, wie eine Situation ausgehen wird, bleibt sie gewissermaßen „offen“. Das Gehirn versucht dann immer wieder, mögliche Szenarien durchzuspielen und Antworten zu finden, um mehr Sicherheit zu generieren. Genau deshalb beschäftigen uns manche Fragen so hartnäckig:Was, wenn der Befund schlecht ausfällt? Was, wenn ich die falsche Entscheidung treffe? Was, wenn etwas passiert, womit ich nicht gerechnet habe?Das Problem ist: Für viele dieser Fragen gibt es im Moment noch keine Antwort. Und genau das fällt unserem Gehirn schwer auszuhalten. Und: Je weniger sicher die Vorhersagen zu dem, was als Nächstes passiert, sind, desto mehr Aufmerksamkeit und Energie werden benötigt. Unsicherheit ist deshalb nicht einfach nur ein unangenehmes Gefühl - sie bedeutet für unser Gehirn zusätzliche Arbeit.

🙇🏽 Grübeln fühlt sich produktiv an - ist es aber oft nicht
Wenn wir uns unsicher fühlen, versucht unser Gehirn meist, die Kontrolle zurückzugewinnen. Deshalb beginnen viele Menschen zu grübeln. Sie gehen dieselbe Situation immer wieder durch, überlegen, was sie hätten anders machen können, spielen verschiedene Zukunftsszenarien im Kopf durch oder suchen stundenlang nach Informationen.
Das fühlt sich häufig sinnvoll an. Schließlich tun wir ja scheinbar etwas. Doch genau hier liegt die Falle. Grübeln liefert selten neue Lösungen. Viel häufiger drehen wir uns im Kreis und denken dieselben Gedanken immer wieder. Kurzfristig vermittelt das das Gefühl, vorbereitet zu sein. Langfristig hält es die Unsicherheit jedoch häufig aufrecht. Denn unser Gehirn lernt dabei:„Dieses Thema scheint wichtig zu sein. Diese Unsicherheit bedeutet Gefahr. Wir sollten weiter darüber nachdenken.“
So entsteht ein Gedankenkarussell, das sich immer schneller dreht.

Warum wir ständig nach Sicherheit suchen
Unsicherheit fühlt sich unangenehm an. Deshalb versuchen wir häufig, sie möglichst schnell loszuwerden. Wir googeln Symptome, kontrollieren unseren Körper, lesen denselben Laborwert zum zehnten Mal, fragen andere Menschen immer wieder nach ihrer Meinung oder überlegen so lange, bis wir glauben, endlich die perfekte Entscheidung gefunden zu haben. Das Problem ist: Die Erleichterung hält meist nur kurz an. Schon wenig später taucht der nächste Zweifel auf und die Suche beginnt von vorne.
Gerade nach einem Herzereignis erleben viele Menschen genau diesen Kreislauf. Jede kleine Veränderung im Körper wird aufmerksam beobachtet. Jeder Herzschlag wird bewertet. Das ist absolut verständlich - schließlich geht es um etwas sehr Wichtiges. Doch je häufiger wir versuchen, jede Unsicherheit vollständig zu beseitigen, desto schwieriger wird es oft, wieder Vertrauen in den eigenen Körper zu entwickeln.

🌿Fünf Wege, gelassener mit Unsicherheit umzugehen
1. Frage dich: Kann ich dieses Problem gerade lösen?
Nicht jede Sorge verlangt nach einer Handlung. Manchmal kannst du etwas tun - und dann tue es auch. Manchmal kannst du im Moment jedoch nichts verändern. Dann wird weiteres Nachdenken die Situation meist nicht lösen. Eine hilfreiche Frage lautet deshalb:
Brauche ich gerade eine Entscheidung - oder versuche ich nur, eine Unsicherheit loszuwerden?
2. Erkenne Grübeln als das, was es ist
Grübeln fühlt sich häufig wie Problemlösen an. Doch frage dich ehrlich:
Denke ich gerade etwas Neues - oder denke ich denselben Gedanken zum zwanzigsten Mal?
Wenn du merkst, dass du dich im Kreis drehst, kann es helfen, den Gedanken bewusst zu unterbrechen. Steh auf, geh eine Runde spazieren oder richte deine Aufmerksamkeit auf etwas, das gerade tatsächlich passiert.
3. Übe kleine Unsicherheiten
Unser Gehirn lernt nicht nur durch Nachdenken. Es lernt vor allem durch Erfahrungen. Deshalb kann es hilfreich sein, kleine Unsicherheiten bewusst auszuhalten. Nicht sofort jede Nachricht öffnen. Nicht jedes Symptom googeln. Nicht jede Entscheidung hundertmal absichern. Mit der Zeit sammelt dein Gehirn eine wichtige Erfahrung:
Ich halte Unsicherheit aus - und meistens geht trotzdem alles weiter.

4. Hol dich zurück in die Gegenwart
Unsicherheit spielt fast immer in der Zukunft. Sie beschäftigt sich mit Dingen, die vielleicht passieren könnten. Dein Körper lebt jedoch immer im Hier und Jetzt. Frage dich deshalb:
Was ist genau in diesem Moment tatsächlich los?
Vielleicht sitzt du gerade mit einer Tasse Kaffee auf dem Balkon. Vielleicht gehst du spazieren. Vielleicht liest du einfach diesen Newsletter. Nicht jede mögliche Zukunft braucht schon heute deine Aufmerksamkeit.
5. Erinnere dich an frühere Unsicherheiten
Überlege einmal: Wie viele Situationen gab es in deinem Leben, bei denen du überzeugt warst: „Das schaffe ich niemals.“ Und wie viele davon hast du letztlich doch bewältigt? Unser Gehirn erinnert sich erstaunlich gut an mögliche Gefahren. Es vergisst jedoch oft, wie viele Herausforderungen wir bereits gemeistert haben. Vielleicht ist genau das die wichtigste Erinnerung:
Du hast schon viele Unsicherheiten überstanden. Wahrscheinlich mehr, als dir gerade bewusst ist.

🌱 Fazit
Das Leben wird wahrscheinlich nie vollständig planbar sein. Und vielleicht ist genau das die schwierigste Aufgabe unseres Gehirns: Nicht jede Unsicherheit sofort beseitigen zu wollen, sondernzu lernen, dass wir auch dann handlungsfähig bleiben, wenn wir noch nicht alle Antworten kennen. Also: Sicherheit in Unsicherheit zu finden.
Unser Nervensystem braucht keine hundertprozentige Kontrolle, um zur Ruhe zu kommen. Es braucht das Vertrauen, dass wir auch mit offenen Fragen umgehen können. Vielleicht beginnt Gelassenheit deshalb nicht in dem Moment, in dem alle Probleme gelöst sind. Sondern in dem Moment, in dem wirakzeptieren, dass manche Antworten erst mit der Zeit kommen.
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Deine Doreya, Stefan und das gesamte Team Dr. Heart

„Mut ist nicht die Abwesenheit von Unsicherheit, sondern die Entscheidung, trotzdem weiterzugehen.“
Quellen:
Carleton, R. N. (2016).Fear of the unknown: One fear to rule them all?Journal of Anxiety Disorders, 41, 5–21.https://doi.org/10.1016/j.janxdis.2016.03.011
Grupe, D. W., & Nitschke, J. B. (2013).Uncertainty and anticipation in anxiety: An integrated neurobiological and psychological perspective.Nature Reviews Neuroscience, 14(7), 488–501.https://doi.org/10.1038/nrn3524
McEvoy, P. M., Hyett, M. P., Shihata, S., Price, J. E., & Strachan, L. (2019).The impact of methodological and measurement factors on transdiagnostic associations with intolerance of uncertainty: A meta-analysis.Clinical Psychology Review, 73, 101778.https://doi.org/10.1016/j.cpr.2019.101778
Sweeny, K., & Cavanaugh, A. G. (2012).Waiting is the hardest part: A model of uncertainty navigation in the context of health news.Health Psychology Review, 6(2), 147–164.https://doi.org/10.1080/17437199.2010.520112
Diese E-Mail wurde gesendet von:
Dr. Heart - Dr. Stefan Waller
Görschstraße 10a
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