Stress und Ängste

June 15, 20266 min read

In diesem Newsletter erfährst du:

  • Warum Ängste und Stress deinen Heilungsverlauf nach einem Herzereignis beeinflussen können

  • Wie du lernst, besser mit deiner Herzangst umzugehen

  • Welches Buch ich dir unbedingt ans Herz legen möchte, wenn dich dieses Thema beschäftigt.

Was genau verbindet unser Herz


Hallo,

heute möchte ich dir von einer sehr eindrücklichen Erfahrung erzählen, die ich vor vielen Jahren als damals noch junger Stationsarzt erlebt habe und die mich sehr geprägt hat. Eine sehr nette ältere Dame brach plötzlich auf dem Stationsflur zusammen, nachdem sie vom Tod ihres geliebten Ehemannes erfahren hatte. Nachdem sämtliche Befunde inklusive des EKG und der Blutwerte auf einen akuten Herzinfarkt hindeuteten, haben wir natürlich sofort eine notfallmäßige Herzkatheteruntersuchung durchgeführt

Aber entgegen unserer Erwartungen fanden wir keine verschlossene Herzkranzarterie vor, wie man das ja bei einem akuten Herzinfarkt erwarten würde, sondern eine Aufweitung und völlige Bewegungsstarre der Herzspitze. Und dieser Befund ist ganz typisch für das sogenannte „broken heart syndrom„, von dem du vielleicht auch schon mal gehört hast. Als Ursache dieses „broken heart syndromes“ wird eine Schädigung des Herzmuskels aufgrund eines Überschusses an Stresshormonen vermutet. Und bei diesem Erlebnis ist mir das erste Mal so wirklich vor Augen geführt worden, welchen starken Einfluss unsere Psyche auf unseren Körper, speziell auch auf unser Herz, hat.

Und warum erzähle ich dir das heute?

Du weißt, ich gebe dir jede Woche so gut ich kann praktische Tipps: wie herzgesunde Bewegung aussieht, wie du Zuckerfallenerkennst und vermeidest, welche Zielwerte für dich wichtig sind – und wie du sie erreichen kannst. Aber bei all dem solltest du eines nicht vergessen:

Deine Ängste und deinen Stress

Denn ich weiß, hat man erst einmal etwas mit dem Herzen gehabt, also zum Beispiel einen Herzinfarkt erlitten, dann neigen auch sehr viele Menschen dazu, jede Empfindung im Brustraum ängstlich zu beobachten und zu bewerten und auf das Herz zu projizieren. Und auch solche Beschwerden, die mit dem Herzen in der Regel überhaupt gar nichts zu tun haben, wie zum Beispiel ein geringes Stechen in der Brust oder durch Bewegung oder Druck ausübbare Beschwerden werden dann auf das Herz projiziert und können Angst und Panikreaktionen hervorrufen, obwohl es überhaupt nicht zu einer neuen Schädigung des Herzens gekommen ist.

Wenn du dich gerade darin wiedererkennst, keine Sorge, du bist nicht allein: Etwa 80 % der Herzpatient:innen erleben in den ersten Wochen und Monaten nach dem Ereignis genau das. Diese Reaktionen sind absolut menschlich – immerhin ist unser Herz unser Lebensmotor.

Aber warum möchte ich heute besonders darauf eingehen?

Stress ist eine Alarmreaktion unseres Körpers, die uns in Jahrtausenden der Evolution das Überleben sicherte. In lebensbedrohlichen Situationen – etwa bei Kampf oder Flucht – stellte der Körper in Millisekunden alle nötige Energie und Abwehrkräfte bereit. Unser sympathisches Nervensystem wurde aktiviert, Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol ausgeschüttet.

Die Folge kennst du: Das Herz rast, der Blutdruck steigt, Blutgerinnung und Immunsystem werden hochgefahren – für den Fall, dass wir verletzt werden und Keime in die Blutbahn gelangen.

Das Problem ist, diese Reaktion läuft heute noch immer genauso ab. Für deinen Körper macht es keinen Unterschied, ob du vor einem Säbelzahntiger fliehst, Angst vor dem nächsten Meeting hast – oder dich ständig vor einem weiteren Herzereignis fürchtest. Die Stressreaktion bleibt dieselbe.

Und wenn Angst und Anspannung chronisch werden, wirken sie sich auch biologisch auf deinen Körper aus. Studien zeigen, dass depressive Symptome bei Patient:innen mit koronarer Herzkrankheit mit erhöhten Entzündungswerten und einer gestörten Regulation des autonomen Nervensystems einhergehen.

Das bedeutet: Angst und Stress sind nicht nur psychisch spürbar, sondern auch messbar – und sie beeinflussen deinen Heilungsverlauf nach einem Herzereignis.

Die gute Nachricht:

Indem du Vertrauen in dein Herz zurückgewinnst und lernst, mit Stress auf eine gesunde Art umzugehen, kannst du deinenKrankheitsverlauf spürbar positiv beeinflussen.

Aber wie kommst du da hin?

Angst entsteht aus zwei Gründen: Mangelndes Wissen oder fehlende Erfahrung. Fangen wir also erstmal mit dem Punkt an, dass es wichtig ist, so viel wie möglich an Wissen zu sammeln:

Brustschmerzen sind ein gutes Beispiel. Wie wir oben schon gesehen haben, achten rund 80 % der Menschen, die bereits ein Herzereignis erlebt haben, sehr sensibel auf kleinste Veränderungen im Körper. Ein kurzes Stechen oder ein vages Unbehagen in der Brust können schnell Sorgen auslösen – auch wenn solche Empfindungen durchaus auch bei herzgesunden Menschen vorkommen. Nur: Diese schenken ihnen meist deutlich weniger Beachtung.

Wie kann dir Wissen jetzt helfen?

Insgesamt betrachtet, wenn keine koronare Herzerkrankung diagnostiziert wurde, lassen sich statistisch gesehen nur etwa 8 bis 16 % aller Brustschmerzen tatsächlich auf das Herz zurückführen. Und selbst bei bereits bekannten Herzerkrankungen können Brustschmerzen viele andere Ursachen haben.

Häufig handelt es sich um Beschwerden, die vom Bewegungsapparat herrühren, wie das Brustwandsyndrom, bei dem Schmerzen durch harmlose Verspannungen oder Reizungen der Muskulatur im Brustbereich entstehen. Ein Brustwandsyndrom kannst du daran erkennen, dass die Schmerzen meist auf einen bestimmten Bereich oder sogar einen einzelnen Punkt begrenzt sind. Auch Schmerzen, die durch Druck von außen ausgelöst werden können und die nicht in Zusammenhang mit einer körperlichen Belastung auftreten, sondern z.B. durch einen Wechsel unserer Körperhaltung oder durch eine konkrete Bewegung auslösbar sind, sind eher als harmlos einzustufen und stammen meist von unserem Bewegungsapparat.

Es ist also wichtig, vor allem nach einem erlittenen Herz-Ereignis wieder zu lernen, die eigenen Körperempfindungen richtig einzuordnen und harmlose Empfindungen von möglicherweise herzbedingten Symptomen zu unterscheiden.

Als grobe Orientierung (aber im Zweifel solltest du immer auf Nummer sicher gehen und bei Verdacht frühzeitig den Rettungsdienst alarmieren) findest du hier einige Kriterien, die eher auf das Herz als Ursache hindeuten oder eher dagegen sprechen:

Fehlende Erfahrung

Ich kann jeder und jedem nach einem Herzereignis die kardiologische Reha und auch Herzsportgruppen empfehlen – denn dort hast du die Möglichkeit, unter medizinischer Aufsicht wieder Vertrauen in deinen Körper und dein Herz zu gewinnen.

In der Reha und in Herzsportgruppen lernst du Schritt für Schritt, was deinem Herz guttut – und du erlebst ganz praktisch, dass Bewegung nicht gefährlich, sondern heilsam ist. Durch Bewegung lernst du, deinen Körper wieder bewusster wahrzunehmen und normale, physiologische Reaktionen wie einen schnelleren Herzschlag oder gelegentliche Extraschläge richtig einzuordnen– ohne dabei sofort in Panik zu verfallen. Es ist wichtig, dass du verstehst, dass solche Reaktionen normale Anpassungen deines Körpers sind und nichts Bedrohliches darstellen. Wenn du weißt, was in deinem Körper passiert und warum, kannst du anders damit umgehen.

Wissen gibt dir Sicherheit. Erfahrung gibt dir Vertrauen.

Schau dir dazu auch gerne mein Video "Reha nach Herzinfarkt" an.

Also fassen wir nochmal zusammen:

Deine Ängste und dein Stress im Körper sind nicht nur einschränkend und im Alltag können sie dich stark belasten, sondern haben auch aktiv Einfluss auf deinen Heilungsverlauf und es lohnt sich, diesem Punkt Beachtung zu schenken. Und wenn du merkst, du kannst das nicht alleine, dann traue dich gerne auch Hilfe anzunehmen. Wenn du nach diesem Artikel gemerkt hast, dass Herzangst genau dein Thema ist und einen verständlichen Einstieg in das Thema Psychokardiologie– also das Zusammenspiel von Herz und Psyche – suchst, kann ich dir das Buch "Mein Herz und meine Seele" von Professor Köllner sehr empfehlen.

Ich hatte dazu auch ein spannendes Interview mit ihm, das du dir gleich hier unten anschauen kannst:

Das war's mal wieder von uns. Schreib uns gerne wie du deinen Blutdruck in den Griff bekommst und was für Fragen dir auf dem Herzen liegen.

Bleib´ schön gesund,

Deine Melanie, Stefan und das gesamte Team Dr. Heart

„Je größer das Wissen, desto kleiner die Angst.“

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